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19. Mai 2017
Konstruktive Kritik: Motivieren statt degradieren
Von der Kunst konstruktive Kritik hilfreich anzuwenden
Von Natascha Neufuß
In unserem Leben sind wir oft mit Kritik konfrontiert. In der Uni und im Berufsleben, genauso wie auch im Privatleben. Dort wo Menschen zusammenkommen, entsteht auch immer Raum für Kontroversen. Nicht selten ist man nicht der selben Meinung oder fühlt sich durch die Handlungsweise eines Anderen verletzt oder ungerecht behandelt. Ist dies der Fall, so ist es an der Zeit, Kritik zu üben. Dies ist manchmal unumgänglich, kann aber, wenn die Kritik gut und vor allem konstruktiv vorgebracht wird, auch wirklich etwas bringen.
Viele Situationen lassen sich nur durch eine wohlplatzierte Kritik lösen, denn in vielen Fällen regt eine wirklich konstruktive Kritik den Kritisierten dazu an, nachzudenken und die Perspektive zu wechseln. Gut gemeinte Ratschläge oder Schelte fruchten oft weniger. Schauen wir uns das Thema Kritik im Weiteren genauer an.
Kritik muss konstruktiv sein: Was bedeutet es, konstruktiv zu kritisieren?
Wie so oft im Leben, ist es auch beim Thema Kritik so, dass der Ton die Musik macht. Wenn man Jemanden kritisieren muss, so ist es wichtig, die richtige Ansprache und den rechten Ton zu finden.
Konstruktiv bedeutet in diesem Zusammenhang, dass man nicht nur anklagend kritisiert, sondern produktive Lösungsvorschläge liefert.
Eine konstruktive Kritik ist also eine Kritik, die analytisch ist. Derjenige, der die Kritik übt, hat sich Gedanken gemacht über den Sachverhalt und möchte den Kritisierten dabei unterstützen, den Sachverhalt von einer anderen Perspektive zu betrachten. Diese Art der Kritik kennen sicherlich viele aus der Uni. Zum Beispiel, wenn es um Ordnung in deinen Hausarbeiten geht und dein Dozent anmerkt, das es übersichtlicher wäre, wenn du dies oder jenes anders machen würdest, er seine Kritik aber angenehm verpackt und dir auch gleich Lösungsoptionen anbietet: Dann ist dies eine konstruktive Kritik.
Konstruktive Kritik ist nicht verletzend oder wertend, sondern wohlformuliert und hilfreich. Wenn eine konstruktive Kritik gut vorgebracht wurde, so merken wir manchmal noch nicht einmal, dass wir kritisiert wurden. Das ist der Unterschied, der eine konstruktive von einer destruktiven Kritik unterscheidet. Destruktive Kritik wäre in meinem Beispiel gewesen, wenn der Dozent folgendermaßen gehandelt hätte: Er hätte deine Mappe auf den Tisch geworfen und dir gesagt, dass deine Arbeit das reinste Chaos ist und du etwas an deiner Ordnung ändern sollst. Das hätte bei dir den Effekt gehabt, dass du im Affekt erst einmal sauer gewesen wärst, weil du dich ungerecht behandelt gefühlt hättest.
Wie schon gesagt, der Ton macht die Musik. Eine solche Ansage kommt für die meisten einer Kampfaufforderung gleich. Man fühlt sich auf den Schlips getreten und macht zu, ist wütend auf den Kritiker und denkt wahrscheinlich nicht über Lösungsoptionen nach. Obwohl man vielleicht weiß, das die Arbeitsmaterialien wirklich ordentlicher sein könnten...
Konstruktive Kritik sorgt für umdenken und verstehen; Nicht konstruktive oder sogar destruktive Kritik für Wut und Unverständnis
Wer gekonnt kritisiert, verletzt nicht. Er meckert nicht und bringt keine Beispiele vor, die uns bewusst in Scham versetzten. Konstruktive Kritik achtet somit die Person des kritisierten, während eine „normale“, vielleicht im Affekt vorgebrachte Kritik das genaue Gegenteil tut. Gekonnt zu kritisieren ist eine Kunst! Die gute Nachricht ist, das sich diese Kunst, wie so viele andere Künste, erlernen lässt. Die Rhetorik ist dabei wie eingangs erwähnt, von unheimlich großer Bedeutung. Schauen wir uns im Weiteren an, was eine gute und konstruktive Kritik ausmacht.
- Konstruktive Kritik setzt eine Analyse des Problems seitens des Kritikers voraus. Sie ist sachlich formuliert und präzise gegliedert. Eine konstruktive Kritik ist stets gut durchdacht und bringt Lösungsoptionen und Vorschläge zur Verbesserung des Problems mit. Dabei hat der Kritiker das Gesamtbild im Auge.
- Wer konstruktive Kritik übt, tut dies in einem ruhigen und gemessenen Tonfall. Destruktive Elemente wie schreien oder stupides rumnörgeln, haben in einer konstruktiven Kritik nichts zu suchen. Da es aber auch bei einer konstruktiven Kritik durchaus einmal lauter zugehen kann, sollte man dies bedenken. Wer sich mitreißen lässt vom Zorn seines Gegenübers, der verliert seine Neutralität und büßt damit auch seine Objektivität ein. So verwandelt sich die konstruktive Kritik in eine destruktive, was die Lösung des Problems in weitere Ferne rückt.
- Wer gekonnt seine Kritik anbringt, achtet auf den Zeitpunkt und tut dies in einer Umgebung, die dem, der die Kritik entgegengebracht bekommt, nicht peinlich berührt oder ihn erniedrigt. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn die Kritik vor dem versammelten Team ausgesprochen wird. Auch ungünstig platziert ist eine Kritik dann, wenn der, der kritisiert wird, nicht fit ist. Sollte jemand zum Beispiel krank sein oder private Probleme haben, so sollte man mit sehr viel Fingerspitzengefühl vorgehen oder im Zweifelsfall die Kritik vertagen. An solchen Tagen neigt man nämlich gerne dazu, Dinge in den falschen Hals zu bekommen, was nur dazu führt, das derjenige zumacht. Damit ist keinem gedient.
Beispiele von konstruktiver Kritik
Wie eingangs erwähnt, kommt eine konstruktive Kritik wohlüberlegt daher und geschieht keinesfalls im Affekt. Der, der kritisiert, hat sich Gedanken gemacht, einen guten Rahmen gewählt und ist gewillt, dem anderen zu helfen anstatt ihn nieder zu machen. Nehmen wir einmal ein Beispiel aus der Arbeitswelt.
Die Leistung eines Angestellten lassen immer mehr nach, obwohl dieser eigentlich für seinen Ehrgeiz und seine zielstrebige Art bekannt war. Fehler schleichen sich ein. Unmut seitens des Teams wird laut, der Chef ist gezwungen zu handeln. Zuerst informiert er sich über die Arbeit des Angestellten und hält Rücksprache mit dem Team, wobei er dies auf eine neutrale und objektive Art und Weise tut. Er macht sich Gedanken, denn er kann sich nicht erklären, wie es dazu kommt, dass dieser sonst so effiziente Mensch nun so durchhängt. Also lädt er ihn zu einem Gespräch ein. Als dieses stattfindet, lässt er erst einmal den Arbeitnehmer sprechen um zu erfahren, was los ist. Vielleicht beginnt er das Gespräch auf eine Weise, die es dem anderen ermöglicht, sich etwas zu entspannen, denn er weiß, das angespannte Nerven meistens nicht für Einsicht sorgen. Also nimmt er ein Thema, das für den Angestellten positiv behaftet ist. Dies kann beispielsweise ein Projekt sein, das gut realisiert wurde. Nun ist der andere lockerer und empfänglicher für eine wohlplatzierte Kritik oder ein Feedback, wie man diese in diesem Falle auch nennen kann. Ist das Gespräch am laufen, so wird der Chef in der Ich-Perspektive auf den Sachverhalt hinweisen, der ihn dazu veranlasst hat, das Gespräch zu suchen. Dabei wird er objektiv und ehrlich sein und pointiert das erläutern, was er für notwendig erachtet, jedoch ohne Anklage oder Zorn. Ferner hat er sich bereits Gedanken gemacht und kann Lösungsvorschläge anbieten. Der Angestellte fühlt sich nicht persönlich angegriffen und sieht die Kritik dadurch eher als Feedback und gut gemeinten Ratschlag: Eine konstruktive Kritik wurde gut platziert.
Gekonnt zu kritisieren ist eine Kunst: Wichtige Punkte im Überblick
Das Einnehmen der Ich-Perspektive ist wichtig, wenn man eine konstruktive Kritik anbringen möchte. Wer von seinem Standpunkt aus klar argumentiert, klagt dabei nicht an sondern zeigt die Dinge auf, wie er sie sieht. Aus einem „Was haben Sie da bloß verbockt, haben Sie das nicht gesehen?“, wird somit ein „ Mir ist aufgefallen, das dort etwas übersehen wurde; Was ist ihre Ansicht dazu?“ Letzteres hört sich schon viel angenehmer an und regt den, der das Feedback einstecken muss, dazu an, nachzudenken, ohne sich sofort angegriffen zu fühlen. Im Gegenteil bekommt er sogar das Gefühl, das seine Meinung gefragt ist und das steigert in den meisten Fällen sogar die eigene Motivation, was ja auch der Sinne dieser Kritik ist. Dinge aufzuzeigen und sie zu verändern ohne zu verletzen mit dem Ziel der Selbstoptimierung.
Kritikfähigkeit ist ebenfalls eine Kunst: Wie kritikfähig bist du?
Im Leben erfahren wir immer beide Seiten: mal kritisieren wir, doch manchmal sind wir auch in der Position, Kritik einstecken zu müssen. Wie ist es mit deiner Fähigkeit, Kritik anzunehmen, bestellt? Eins vorweg, niemand wird gerne kritisiert. Dennoch ist Kritik nicht zu vermeiden. Besonders im Studium oder im späteren Job wird man um Kritik nicht herumkommen. Hier wird sie gern als „Feedback“ ausgegeben. Feedback ist sozusagen eine Rückmeldung, eine Bewertung dessen, was du leistest. Wird konstruktives Feedback gegeben, so kann uns dies dazu bewegen, unsere Arbeitsweise zu überdenken und bringt uns im besten Falle dazu nachzudenken. Wir wachsen also an einer gut platzierten konstruktiven Kritik, denn sie bringt uns dazu, uns zu überdenken und uns kritisch mit uns auseinanderzusetzen. Nur so können wir uns entwickeln und neue Fähigkeiten erlernen.
Wenn man mit Kritik nicht umgehen kann...
Es gibt Menschen, die mit Kritik nicht umgehen können. Dabei ist es egal, in welcher Form sie vorgebracht wird, ob sie destruktiv oder konstruktiv ist. Manche können einfach nicht damit umgehen und gehen sofort in die Offensive. Aus jeder noch so gut gemeinten Kritik wird ein offener Angriff und sie somit sofort destruktiv. In solchen Härtefällen muss man extrem viel Feingefühl mitbringen und rhetorisch so einiges drauf haben. Man muss es so anstellen, das der, der die Kritik erhält, nicht sofort merkt, dass er kritisiert wird. Dabei kann es sinnvoll sein mit Beispielen zu arbeiten, die einen ähnlichen Sachverhalt haben, aber mit dem Betroffenen nichts zu tun haben.
Spricht man so gemeinsam über diesen Sachverhalt und bringt seine Kritik diesbezüglich logisch und präzise an und lässt auch den anderen zum Thema sprechen, so kann man davon ausgehen, dass der andere sich Gedanken machen wird. Sätze wie: „ Was ist deine Meinung dazu?“, „Wie hättest du in dieser Situationen gehandelt?“ oder „Was würdest du in solch einer Situation anders machen?“, können sehr hilfreich sein. So beschäftigt sich derjenige mit dem Sachverhalt und äußert seine Meinung ohne sich persönlich angegriffen zu fühlen oder zuzumachen. Im besten Fall wird er merken, dass er ähnliche Probleme hat und versuchen, dahingehend etwas zu ändern. Oder halt nicht, denn es gibt auch Leute, die einfach unbelehrbar sind. Hier wird es sehr schwierig. In manchen Fällen können Coachings dabei helfen die Haltung zu ändern.
Die eigene Kritikfähigkeit verbessern
Jetzt haben wir viel darüber sinniert, wie man Kritik positiv platziert und anbringt, doch wie steht es eigentlich mit deiner eigenen Kritikfähigkeit? Kannst du ein gut gemeintes Feedback annehmen ohne es als persönlichen Angriff zu werten? Fakt ist, niemand steckt gerne Kritik ein. Aber es ist wie so oft, die eigene Sichtweise die entscheidet, ob man eine Kritik als konstruktiv und hilfreich ansieht oder als Angriff. Wenn man sich vergegenwärtigt, dass der, der die Kritik übt, dies sicherlich nicht aus Freude am Kritisieren tut, sondern um uns auf einen besseren Kurs zu bringen, kann dies schon helfen. Niemand kritisiert gerne. Mit den folgenden Ratschlägen kann man die eigene Haltung gegenüber Kritik verbessern.
- Ausreden lassen und zuhören! Wer ein Feedback bekommt sollte aufmerksam zuhören und nicht nur auf die Möglichkeit zum Gegenschlag warten. Außerdem sollte man versuchen, das Gesagte neutral zu betrachten und es nicht persönlich nehmen.
- Denke darüber nach bevor du antwortest. Niemand erhält gerne Kritik und der erste Impuls ist es sich zu rechtfertigen um sich zu verteidigen. Bei einer konstruktiven Kritik gibt es keinen Grund dafür in Verteidigungshaltung zu gehen. Der andere will dir helfen.
- Distanziere dich im Geiste emotional von der Kritik, es ist kein Angriff auf dich als Person wenn du Kritik einstecken musst. Versuche, Distanz zu wahren und nicht emotional abzudriften. Dein Chef, Dozent oder wer auch immer, versucht dir zu helfen. Darin steckt auch immer eine große Chance.
- Frage nach, wenn dir etwas unklar ist oder du das Gefühl hast, zu unrecht beschuldigt zu werden. Bleib hierbei sachlich und ruhig.
- Sollte dein Kritiker nicht viel von konstruktiver Kritik halten und es vorziehen dich anzuschreien oder ähnliches, so hast du das Recht dazu, ihn zur Fairness aufzurufen. Wie wir bereits erläutert haben, bringt destruktive Kritik rein gar nichts, im Gegenteil, sie kann üble Auswüchse annehmen. Daher sollte sie vermieden werden.
- Für eine konstruktive Kritik kann man durchaus dankbar sein, denn sie enthält wertvolle Tipps und Anregungen. Sag das deinem Kritiker!
Fazit: Kritik ist eine Chance um eine neue Perspektive einzunehmen!
Ergo; wer nicht alles persönlich nimmt, eine gewisse emotionale Distanz zu seinen Resultaten hat und dazu bereit ist, Kritik als etwas Positives zu sehen, der braucht sich vor Feedback nicht zu fürchten. Kritik muss nicht per se schlecht sein, in vielen Fällen verschafft sie uns einen anderen Blickwinkel und damit die Chance, eine neue Perspektive einzunehmen. Es kommt dabei immer nur auf unsere innere Einstellung an. Sei offen und objektiv, und freue dich, wenn dir jemand Feedback geben möchte, er bietet dir damit die Chance zur Weiterentwicklung.
Von Natascha Neufuß
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