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06. Januar 2017
Sind wir irgendwann zu alt zum lernen?
Kinder erwerben Fähigkeiten, als würden sie mit einem prall gefüllten Geldbeutel eine Shoppingtour durch die Weltmärkte des Wissens machen. Kinder lernen schnell und scheinbar einfach Sprachen, Mathematik und sportliches Geschick. Doch was ist das Lernen eigentlich, und warum hält sich die pessimistische Ansicht, dass man irgendwann zu alt wird, um etwas ganz Neues zu lernen?
Geragogik, das lebenslange Lernen. Der Begriff ähnelt der Pädagogik, mit Absicht – der Begriff Pädagogik entspringt dem altgriechischem „paidagogía,“ was Erziehung oder Unterweisung bedeutet, und geht zurück auf „pais“ für Kind und „ágein“ für führen oder leiten. Erziehen, das Kind leiten, das ist der Inbegriff und der Anfang des menschlichen Lernens. Doch das Lernen ist nicht nur für Kinder reserviert, auch wenn Erziehung und Bildung sinnvoll auf Kinder ausgerichtet sind.
Das Gehirn und geschlossene Fenster
Die Theorie, dass das Kind im Laufe des Lernprozesses in der Gehirnentwicklung eine „sensitive“ oder „kritische Periode“ durchläuft, in der es besonders empfänglich ist für gewisse Lerninhalte, trägt zum Pessimismus für das Lernen im Alter bei. Das neuronale Fenster zum Lernen einer Sprache öffnet sich, schließt sich wieder und kann nicht mehr geöffnet werden.
Schließlich ist das Gehirn schon „fertig,“ und man trampelt auf den alten Pfaden und Verknüpfungen herum, richtig? Dabei hinkt der Vergleich mit dem Lernen eines Kindes. Erwachsene lernen auf einer ganz anderen Ebene als Kinder. Statt zu lernen, wie man den Löffel richtig hält, das ABC buchstabiert, oder wie man ließt, lernen wir im Alter viel „weiter.“
Wann ist man „alt?“
Geragogik, aus dem griechischen „géron“ für Greis und dem oben genannten„ágein,“ wird auch Alterspädagogik genannt. Wer ist eigentlich „alt?“ Genaue Grenzen lassen sich nicht ziehen, aber es gibt Alterstendenzen. Im Erwachsenenalter ist man „alt genug,“ Lernprozesse werden langsamer und scheinen oft mühseliger. Das frühe Erwachsenenalter beschreibt 17- bis 25-Jährige, das jüngere Erwachsenenalter 25- bis 40-Jährige, das mittlere Erwachsenenalter 40- bis 55-Jährige, und das höhere Erwachsenenalter beginnt ab 55 bis 75 Jahren. Wirklich alt ist man dann mit 75 aufwärts.
Geragogik, den Greis leiten. Dies Herleitung des Wortes ist weniger schmeichelhaft, wenn man bedenkt, dass man schon im Erwachsenenalter „alt“ ist. Der Begriff fasst aber eine entscheidende Erkenntnis zusammen – man ist nie zu alt, etwas Neues zu lernen, man lernt nur anders als damals. Die Gesetze der Pädagogik greifen mit zunehmenden Alter nicht mehr, oder müssen anders angewandt werden. Ja, Verknüpfungen bestehen, aber so immobil ist auch das reife Hirn nicht. Statt viele schwache neue neuronale Verbindungen bestehen im Alter wenige, aber feste Verbindungen. Die sogenannte Neuroplastizität, also die Fähigkeit des Gehirns, sich den Erfordernissen seines Gebrauchs anzupassen, besteht auch im Alter, obwohl die Plastizität langsamer wird.
Langsamer lernen statt nichts mehr lernen
Die grundlegenden Inhalte der Erziehung hat man schon längst hinter sich gelassen, sodass das Lernen jetzt ganz anders gestaltet werden kann. Man hat bereits einen Grad der Bildung erlangt und steht im reflektierten Verhältnis zu sich und der Welt, dennoch kennt das Lernen kein Ende. Lernen dient auch der Entfaltung sozialer Beziehungen und kann zur Lebensqualität beitragen.
Alt werden will jeder, alt sein dagegen kaum einer – so oder so ähnlich wird es immer auswendig gelernt und abgespielt, wenn es um das Altern geht. Hier setzt die Geragogik an. Statt dem Altern negative Bilder anzuheften, kann das Lernen einer neuen Fertigkeit dazu beitragen, dass das Altsein angenehm ist und bleibt. Wenn auch langsamer als damals, das Ziel ist nicht unerreichbar, das Fenster nicht für immer verriegelt. Der Schlüssel heißt intrinsische Motivation.
Motivation steigern, Erwartungen anpassen
Vor allem die Erwartungshaltung im Sprachkurs darf nicht verrückt spielen. Klar, dass es etwas länger dauert als damals eine neue Sprache zu lernen. Natürlich darf man nicht erwarten, dass man die Sprache am Ende des Kurses perfekt beherrscht und man von nun an als Muttersprachler erkannt wird. Realistische und konstruktive Selbsteinschätzung können helfen, Enttäuschungen und Demotivation vorzubeugen.
Statt sich den Muttersprachlerstatus als Ziel zu setzen, kann eine geduldige und ausdauernde Haltung die Kurserfahrung zum Glücksgefühl werden lassen. Es ist eine Sache der Motivation. Man kann von bereits gemachten Erfahrungen als Quelle schöpfen und in einem persönlichen Lernklima das Lernen zur Lebensaufgabe machen. Ob Kultur, Musik, Sprachkurs oder doch noch Schach lernen, es gibt keine Altersbegrenzung. Lernen macht glücklich!
Von Esther Bonkowski
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